HINTERGRUND

1. PROBLEMATIK

Im Sinne des universal design sind Räumlichkeiten im öffentlichen Bereich, also ebenso in der psychiatrischen Versorgung, allen Menschen gleichermaßen zugänglich zu machen. Aktuelle Produkte und Lösungen fokussieren jedoch jeweils nur auf Einzelaspekte der baulichen Anforderungen (z.B. Barrierefreiheit) und können damit dem eigentlichen Bedarf nicht gerecht werden, zumal die Anforderungen oftmals widersprüchlich zu sein scheinen.

1.1 DIE BAULICHEN ANFORDERUNGEN STAMMEN AUS FOLGENDEN THEMENBEREICHEN:

  • Therapeutisches Milieu
    Zahlreiche Studien aus der ökologischen Psychologie belegen die Wechselwirkung zwischen der räumlichen Umgebung und dem Verhalten, dem Befinden und dem Genesungsprozess von Patienten ebenso wie der Arbeitseffizienz von Mitarbeitern [>> z.B. Richter, Hoffmann 2014; >> Ulrich et al. 2008]. Zukunftsfähige Psychiatriearchitektur ist evidenzbasiert und nutzt dieses Potential, um die Therapie und den Genesungsprozess zu fördern. Einzelansätze sind beispielsweise die Unterstützung der Eigenständigkeit der Patienten, die Schaffung eines möglichst normalen Lebensumfeldes im klinischen Kontext, eine ansprechende und gleichzeitig robuste Gestaltung, die Schaffung von Territorien und Rückzugsmöglichkeiten und das Ermöglichen von Aneignung sowie die Förderung sozialer Interaktion.

  • Suizidprävention [>> Glasow 2011]
    Strangulation und Sturz in die Tiefe sind die zwei häufigsten Suizidmethoden im stationären psychiatrischen Bereich. Beide Methoden lassen sich mit baulichen und gestalterischen Maßnahmen beeinflussen. Grundannahme ist, dass eine Unterbindung des Zuganges zu einer Suizidmethode eine sinnvolle Präventionsmaßnahme darstellt, da selten ein Ausweichen auf andere Methoden stattfindet. Dieser Effekt wurde in zahlreichen Studien nachgewiesen [>> Florentine, Crane 2010]. Der Fokus in der baulichen Suizidprävention liegt in der Vermeidung von Strangulationsmöglichkeiten und Situationen mit Aufforderungscharakter zum Suizid, beispielsweise leicht zugängliche Sprungorte. Verletzungsmöglichkeiten sind zu minimieren.

  • Barrierefreiheit
    Im Sinne des Gesetzes zur Gleichstellung behinderter Menschen sowie der UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, soll der gebaute Raum für alle Menschen auf allgemein übliche Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sein. Barrierefreies Planen und Bauen bezieht sich nicht mehr allein auf Einschränkungen der Motorik und Benutzung von Mobilitätshilfen und Rollstühlen, sondern berücksichtigt auch Sensorik, Kognition, Kondition und Anthropometrie [>> Vgl. Schmieg et al. 2014]. In welchem Umfang eine barrierefreie Gestaltung sinnvoll und notwendig ist (z. B. Anteil rollstuhlgerechter Zimmer, Kriterien für alle Räume), soll untersucht und festgelegt werden.

  • Alters- und demenzfreundliche Gestaltung
    Aufgrund der demografischen Entwicklung müssen sich auch psychiatrische Einrichtungen auf die wachsende Anzahl alter und hochaltriger Patienten einstellen. Insbesondere Menschen mit Demenz stellen eine besondere Herausforderung für die Versorgung dar. Aktuell ist davon auszugehen, dass in Deutschland etwa 1,4 Millionen Menschen an Demenz erkrankt sind. Die Anzahl der Neuerkrankungen wird auf jährlich 300.000 geschätzt [>> DAlzG 2012]. Baulich/gestalterisch ist vor allem darauf zu achten, räumliche Situationen leicht interpretierbar und in herkömmlicher Weise nutzbar zu machen. Eine demenzsensible Gestaltung kann die Orientierung der Patienten verbessern und ihre Selbständigkeit erhöhen. Dies ist nicht zuletzt zur Entlastung der Pflegenden von Relevanz.

  • Anforderungen aus der Pflege
    Nicht nur Patienten der Gerontopsychiatrie benötigen zuweilen klassische Pflegeleistungen. Multimorbide Patienten treten in allen Altersgruppen auf, beispielsweise im Suchtbereich. Daher sind die entsprechenden Voraussetzungen für das Erbringen von Pflegeleistungen zu schaffen. Dazu gehören unter anderem die Pflegebettstellung oder eine geeignete Badausstattung. Hier sollte eine Assistenz bei der Körperhygiene (z. B. Unterstützung beim Duschen) grundsätzlich möglich sein.


1.2 BEISPIELE FÜR WIDERSPRÜCHE:

  • Barrierefreiheit und Suizidprävention
    Beide Ansätze sind im Bereich der Nasszelle umzusetzen. Dabei stellen insbesondere die stabilen Haltegriffe einen Widerspruch zur Suizidprävention dar, weil sie eine Befestigungsmöglichkeit für Strangulationsgurte bietet. Diese sind bis zu einer Höhe von 50 cm über dem Boden zu vermeiden [>> NaSPro 2012].

  • Barrierefreiheit und Therapeutisches Milieu
    Angebotene Produkte für eine barrierefreie Gestaltung geben dem Raum oftmals einen stark institutionellen Charakter, was im Sinne des therapeutischen Milieus nicht gewünscht wird.

  • Suizidprävention und Anforderungen aus der Pflege
    Aus suizidpräventiven Gesichtspunkten sind Duschschläuche in der Nasszelle problematisch, so dass oft mit fest installierten Sportkopfbrausen gearbeitet wird. Diese sind jedoch für den pflegerischen Einsatz ungeeignet.

  • Barrierefreiheit und demenzfreundliche Gestaltung
    Kippspiegel sind ein Beispiel für Elemente, die immer noch aus Gründen der Barrierefreiheit anstelle einfacher Wandspiegel eingebaut werden, auch wenn diese von vielen Patienten nicht intuitiv zu bedienen sind. Auch die geforderte Montagehöhe für Türklinken von 85 cm ist ungewöhnlich und kann die Bedienung von Türen für Menschen mit Demenz deutlich erschweren.

2. LÖSUNGSANSATZ

Universalraum entwickelt gemeinsam mit ausgewählten Herstellern ein zukunftsfähiges Patientenzimmer für den psychiatrischen Bereich, welches allen Anforderungen gleichermaßen gerecht wird. Kliniken kann damit ein umfassendes Konzept angeboten werden, welches allen Bedürfnissen entsprechen kann. Patientenzimmer und Nasszelle sind Hochrisikoräume für suizidale Handlungen und beeinflussen die Lebensumwelt der Patienten maßgeblich. Für dieses Projekt werden für alle Bereiche des Raumes geeignete Produkte ausgewählt und in das Gesamtkonzept integriert. Vor allem zur Klärung der unter Punkt 1 erwähnten Widersprüche sind Produktanpassungen bzw. Neuentwicklungen erforderlich.

3. LITERATUR

DAlzG Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. Selbsthilfe Demenz (2012) Das Wichtigste 1. Die Epidemiologie der Demenz. Verfügbar im Internet: http://www.alzheimer-mg.de/download/1_epide miologie.pdf, recherchiert am 28.7.14

Florentine J B, Crane C (2010) Suicide prevention by limiting access to methods: A review of theory and practice. Social Science & Medicine 70: S 1626-1632

Glasow N (2011) Bauliche Suizidprävention in stationären psychiatrischen Einrichtungen. Berlin: Logos Verlag

NaSPro Nationales Suizidpräventionsprogramm (2012) Empfehlungen zur baulichen Suizidprävention für psychiatrische Einrichtungen. Unveröffentlichtes Manuskript

Richter D, Hoffmann H (2014) Architektur und Design psychiatrischer Einrichtungen. Eine systematische Literaturübersicht zu den Effekten der räumlichen Umgebung auf Patienten in der Erwachsenenpsychiatrie. Psychiatrische Praxis 41: S 128-134

Schmieg, Lohaus, Voriskova, Hübner (2014) Leitfaden Barrierefreies Bauen. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, Berlin

Ulrich R S et al. (2008) A Review of the Research Literature on Evidence-Based Healthcare Design. Health Environments Research and Design Journal 1: S 61-125